Zwei (Liebes)Welten

Mittwoch Morgen. Die Sonne hat es gerade über den Berg geschafft und lugt ins Tal. Ich mache mich auf den Weg. Seit 1½ Jahren, fast täglich, gehe ich meine Runde. Mal 6 km, mal 8 km oder auch mal 12 km. Bewegen. Gegen das Gedankenkarussel. Laufen, um nicht verrückt zu werden, nicht vor Sehnsucht zu zerreißen… Meine Strategie, seit Du das erste mal geisterartig plötzlich weg warst. Gerade noch mit einem engelhaften Lächeln verabschiedet und plötzlich weg. Keine Nachricht, kein Anruf, einfach weg…

Du sagtest mir vor ein paar Wochen, dass Du diesmal bleiben würdest. Ich glaube daran.

Ich laufe also los. Sehe Sonne, Blüten, viel Grün, höre Wasser, rieche die grünen Grasnoten des Feldgrases, das gerade neben meinem Weg gemäht wird.
Die Füße bewegen sich und im Kopf drehen sich die Gedanken. Du. BDSM. Devotion. Ich. Meine Verliebtheit. Mhh und ich, der klassische „Normalo“, Vanilla, sagt man wohl. Sicher nicht Dein Traummann. Älter als Du, krank seit Jahren, verheiratet, wenig materieller Wohlstand. Denkbar schlechte Voraussetzungen. Aber mit einer Liebe im Herzen, mit immer noch Schmetterlingen im Bauch, mit dem Willen Dir Deine Wünsche von den Augen abzulesen. Ich denke, das Gegenteil Deiner Präferenz.

Ich habe lange Zeit keinen Kontakt zu Dir aufgenommen, weil „eine devote Gespielin“ so gar nicht meiner Vorstellung entsprach. Das machte mir Angst.
Aber nachdem wir uns das erste Mal trafen, stand mein Herz in Flammen, und ich wollte mehr von Deiner (Liebes)Welt wissen. Du meintest, ich solle bleiben, wie ich bin…
Ich suchte und fand im Netz alles mögliche und unmögliche zum Thema Devotion und BDSM. Ich verband mich per Twitter mit einigen, von denen ich glaubte mehr erfahren zu können, legte ein JOYClub-Profil an, las mich ein.
Tja, ich bin Mitte 50, habe Frauen schon immer geachtet und als mindestens gleichwertigen angesehen und las jetzt Dinge, die ich in früheren Jahrhunderten vermutet hätte. So im raschen Seitenblick.

Aber ich fand auch Blogs von starken Frauen, die diese Form der Sexualität leben und die mich neugierig machten, was hinter dieser, für mich dunklen Welt, steckt. Diese Frauen sind auch selbstbewusst, stark, unabhängig mit einem Drang zur Freiheit und zur Unabhängigkeit. So wie Du.

Remi
Lia_Ophee
Dilara
und andere schafften es, mein Interesse zu wecken, ohne dass ich bisher irgendeine dieser Praktiken versucht hätte.

Allerdings muss ich sagen, dass mich die Schilderungen zum Bondage sehr stark berührten. Die Ästhetik des Fesselns – das ist, was ich mir gut vorstellen könnte. Und was eine Brücke zwischen Deiner und meiner Liebeswelt schlagen könnte.

Alles noch im Konjunktiv, Du weißt, dass mich dieses Thema interessiert, dass ich Bücher und Videos dazu besorgt und „konsumiert“ habe. Aber es war bislang noch kein Thema wieder, obwohl ich gern mit Dir einen Workshop besuchen würde. Zum Probieren.
Bei unserem letzten Treffen fragtest Du nach den Büchern und den Seilen. Ich war überrascht und würde mich freuen, wenn wir das das nächste Mal in Angriff nähmen. Zumindest ganz einfache Sachen.

Zukunftsmusik.

Das alles geht mir durch den Kopf, als ich laufe. Und immer dieser krude Gästebucheintrag auf der besagten Seite…
Ich denke an Lia_Ophee’s Buch „Vernünftig Unvernünftig“, an Schilderungen Dilaras und denke daran, das BDSM doch etwas mit Vertrauen zu tun haben soll. Und dann lese ich nochmal diese Anfrage eines Typen, der entweder unserer Sprache nicht mächtig ist, oder aber den Intellekt eines Siebtklässlers hat. Naja, Hauptsache „dominant“. Und mir wird übel…

Auf eine Antwort von Dir warte ich immer noch. Aber ich bin noch unterwegs, habe diesen und den vorigen Blogartikel geschrieben, höre den Fluss neben mir murmeln, die Vögel zwitschern und hoffe jetzt einfach.

PS: Die Antwort ist da.

„Mach Dir mal keine Sorgen… Das Stopp und die Grenzen, ziehe ich.“

Tja. Wenn das so einfach wäre, keine Sorgen machen. Wenn wir wenigstens reden könnten… Mir ist’s zum Heulen.

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