Wieder mal verbockt

Ich fühle mich gerade, als hätte mir jemand den Stecker gezogen. Energie gegen Null.

Seit letzter Woche spüre ich, dass eine ziemlich große dunkle Welle auf mich zu rollt. Sie hat mich ein paar mal gepackt und durchgeschüttelt. Aber ich habe immer wieder den Kopf übers Wasser bekommen, bin an Land geschwommen und hab mich auf den Steg gesetzt, neu Luft geholt und das tobende Schauspiel beobachtet. Habe die gewaltigen Wellen gesehen, die Gischt gespürt…

Seit drei Wochen hoffe ich auf ein Kaffeetreffen. Vergeblich. Ich kann vieles nachvollziehen, auch letztes Wochenende hast Du wieder Deine 12-Stunden-Schichten „abgerissen“ und die Nachosterurlaubszeit der anderen zu spüren bekommen. Du hattest mir für Montag ein Treffen in Aussicht gestellt. Bis gestern wusste ich nicht, ob es dabei bleibt, aber, dass Du morgens erst nach sieben nach Hause gehen kannst.

In meinem Hinterkopf arbeitete seit Tagen, dass Du Dich Dienstag wieder dorthin begeben willst, wo ich Dich nicht gerne sehe. Dorthin, wo ich Angst um Dich habe. Aber es ist Deine Entscheidung, Dein Wille, ob es mir passt oder nicht.

Sonntag Abend. Der Montag rückt näher, und ich schmettert Dir, etwas genervt ein

Sehen wir uns Montag? Oder Dienstag? Oder eher gar nicht…

in die Nacht entgegen. Verpackt in eine ansonsten nette persönliche Nachricht.
Deine Antwort war knapp gehalten, aber positiv. Heute, 16 Uhr beim Bäcker in Deiner Stadt, auf einen Kaffee. Für mich zu knapp, keine Erwiderung auf irgendwas, was ich sonst noch schrieb. Gut – an sich kenne ich das ja, aber heute hallte mir aus der kurzen Nachricht ein nicht geschriebenes  „…Mann, es nervt…!“ entgegen..

Ich merkte wie mir die Wellen entgegen rollten, erst die Füße nass machten, dann gegen den Steg schlugen, und mir kalter Niesel über den Körper regnete. Ich fröstelte.

Der Gedanke, dass ich mich heute, mit wenig Zeit, mit Dir treffen, dass ich dafür die 50 Kilometer hin und 50 Kilometer zurück in Kauf nehmen und dabei unter Zeitdruck gerate, weil meine Frau ja nicht wesentlich später auch zu Hause sein wird, stresste mich gewaltig.

Ich bin beleidigt. Fühle mich nicht ernst genommen, zurückgesetzt und schreibe:

Amelie, brauchst Dir keinen Stress machen… Hast ja morgen genug Zeit und genug Gelegenheit, Dich „zu unterhalten“… Da brauchts mich nicht. Pass bitte auf Dich auf… 😪

Ich drücke den „Senden“-Button.

Im Wissen, dass das garantiert die falschen Worte waren, überlege ich die Nachricht zu löschen, denke nach, überlege weiter und sehe die blauen Häckchen. Gelesen. Mist!

Mir ist bewußt, das das ein Vorwurf an Dich war, eine Vorhaltung, etwas, was Du verabscheust. Etwas, was der Grund dafür ist, dass Du aus Deiner Ehe geflüchtet bist, etwas, weshalb Du keinen festen Partner mehr möchtest…

Ich schiebe hilflos eine Nachricht hinterher.

Amelie, ich möchte Dir aber trotzdem sagen, dass ich Dich sehr, sehr lieb habe! Drück mir die Daumen, dass ich mein Tal schnell wieder verlassen kann. Traurig und frierend Raphael

Du liest es nicht.

Jetzt erreicht mich das kalte Wasser. Die Welle erwischt mich mit voller Wucht und zieht mich ins offene Gewässer.
Ich versuche zu schwimmen, strampele mich ab, rufe nach Amelie …

Ob sie mich hören wird…?

Ein Kommentar zu „Wieder mal verbockt

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