Weniger ist mehr?

Donnerstag
Als wir uns nach unserer überraschenden, kurzen, Begegnung verabschiedeten, hielt ich Dich fest in meinen Armen.
Du sagtest, dass Du spürst, das ich Dich nicht loslassen möchte. Und dass es doch sein muss.
Wenige Minuten vorher hattest Du mich aufgefangen. Aufgefangen nach einem wilden Irrlauf durch meine Gefühle. Nach einem Spüren und Erkunden fremder Haut. Du hattest es so gewollt. Und Du warst danach liebevoll und fürsorglich zu mir. In Deinen Armen konnte ich runter kommen und Gedanken sortieren und Du gabst mir das Gefühl, nichts Falsches getan zu haben. In die Zärtlichkeiten und Streicheleinheiten hinein gabst Du mir die Hoffnung, nicht lange auf ein Wiedersehen warten zu müssen. Gleich nächste Woche (jetzt also diese). Zum Kaffee. „So lange wirst Du’s doch aushalten, ohne mich?“, fragtest Du und ich bejahte.
Und ich ging in der Hoffnung, dass auch Du bald durch diese Tür gingest und in Deinen Alltag eintauchen würdest.
Stunden später erfuhr ich, dass diese, meine Hoffnung, nicht erfüllt würde. Du bliebst dort bis zum späten Abend. Das löste bei mir Verzweiflung aus, und die Frage nach dem“warum?“…

Diskrepanz zwischen gesprochenen Wort und gelebter Wirklichkeit. Aber Du lebst ja Dein Leben. Selbstbestimmt.

Immer wenn ich Dich in den Armen halte und mich im Hoch meiner Gefühl finde, muss ich Dir eine liebe Nachricht schreiben. Und dann fällt mir ein, dass ich etwas Wichtiges vergessen habe, was ich nachreiche. Und noch, und noch. Da können sich die Nachrichten in Deinem WA auch mal ballen. Aber, da lege ich Wert darauf, das, was ich schreibe, ist echt! Das bin ich. Meine Gefühle. Meine Gedanken. Genau in dem Moment, wo ich sie niederschreibe.
Wenn ich das dann nachlese und bemerke, dass Du nicht antwortest, bin ich vernünftig und pausiere. So auch den ganzen Freitag.
Ich lenkte mich ab, lief meine Runden, fotografierte, arbeitete, genoss den Tag.

Kurz vor Mitternacht, ich weiß, dass Du gleich Pause machst, stelle ich Dir ein paar schöne Bilder zusammen und schicke sie Dir mit wenigen, aber lieben Worten. Ich weiß, dass der Job Dich fordert. Ich will Dir was gutes tun. Dann gehe ich ins Bett und versuche zu schlafen.
Neben meiner Frau. Die Gedanken bei Dir…

Es folgen ganze drei Stunden Schlaf. Dann schrecke ich hoch, ich stehe auf, das Handy blinkt. Nachricht von Dir, Du hast Dich sehr über die Fotos gefreut. Du teilst es kurz und knapp mit, es scheint stressig zuzugehen auf Deiner Arbeit. Schlaftrunken schreibe ich Dir noch paar nette Worte zur Aufmunterung, gehe danach wieder schlafen, bis kurz vor 7 Uhr.

Samstag
Jetzt hast Du Feierabend (Feiermorgen?).
Ich wünsche Dir einen guten Morgen und ein paar geruhsame Stunden. Du nimmst das gern auf und meinst, das Du ja morgens besser einschlafen kannst, als abends und verabschiedest Dich in „Deine Nacht“, was mein Tag ist.

Den Samstag packe ich mir mit Arbeit voll und den Nachmittag verbringen ich mit meiner Frau und sehr interessanten Menschen im Nachbardorf. Es geht um gesunde Ernährung, Biolandbau, gesellschaftliche Entwicklungen, alternative Lebensformen, Bildung, Erziehung, kurz, es ist ein vielfältiger, sehr intensiver Austausch, mit viel bedenkenswertem Input… Ja, mein eigentliches Leben ohne Amelie…

Gegen Abend, wir sind wieder zu Hause, meine Gedanken sind bei Amelie und ich befinde mich wieder bedenklich nahe am Abgrund, da spannt sich völlig überraschend ein Netz unter meinen Füßen…
Ich komme in den Gedankenaustausch mit einem mir bisher unbekannten Menschen. Über mein Gefühlschaos…!? Unverhoffte Hilfe. Was tue ich da?

Kurz nach Mitternacht schreibe ich Amelie über meinen Tag, sende ihr liebe Wünsche und bitte sie, mir doch ein paar meiner Fragen aus den vorherigen Texten zu beantworten. Ihre Antwort ist kurz und flüchtig geschrieben. Ich lese daraus, dass ich zu nerven beginne. Auch wenn ihre Smileys am Ende doch eher versöhnlicher wirken. Ich weiß, ich muss meine Sehnsucht bändigen lernen! Vielleicht ist weniger doch mehr?

Der Sonntag wird für mich sehr intensiv und sehr erhellend, weil ich, völlig überraschend, Kontakt mit diesem Menschen habe, den ich zwar nicht kenne, der aber ähnlich wie ich zu ticken scheint, der durch meinen Blog gebrieft ist, und es entspannt sich den ganzen Tag über ein sehr angenehmer, liebevoller Gedankenaustausch. Über die Liebe, die Ehe, das Leben.

Manchmal kann ich die Dinge, die geschehen einfach kaum fassen. Das ist einerseits ganz großartig und andererseits macht es mir Angst. Weil ich mein Selbstbild hinterfragen muss. Weil ich mir eingestehen muss, wie schön und abwechslungsreich und intensiv mein Leben im Moment doch eigentlich ist.
Und meine Nähe zum Abgrund irgendwie selbst gewählt scheint…

Da dieser Mensch durch meinen Blog gut über mein Gefühlsleben Bescheid weiß, fühle ich mich im Austausch seit langer Zeit mal wieder angenommen und verstanden! Diese Stunden intensiven Gedankenaustauschs haben mich gedanklich ein wenig auf festere Wege geführt. Dafür hier ein ganz großer Dank!

Ich bin kein religiöser Mensch, aber ich habe das Kennenlernen von Amelie vor knapp zwei Jahren wie ein Geschenk erfahren, sie hat mir „das Paradies“ gezeigt, mir Schwung und Bewegung in mein Leben gebracht.

Und jetzt erscheint mir dieser unbekannte Mensch, wie ein Engel, der mich an die Hand nimmt und ein wenig in mein Leben zurückführt. Mir völlig unaufdringlich einen großen Spiegel vorhält und sagt: „Schau, das bist Du und Dein momentanes Leben. Du bist verunsichert und manchmal tief traurig, wenn es mit Amelie gerade nicht wie gewünscht läuft. Aber Du bist richtig und Du bist gut! Und ihr werdet Euren Weg finden, zumindest Du Deinen. Wenn Du möchtest bin ich für Dich da und höre Dir zu…!“

Was für ein Glück!

Reden hilft, Gedanken zu sortieren. Das merke ich.

Aber nach dieser intensiven Kommunikation bin ich platt. Ich sehe nicht mal den Anfang des sonntäglichen Tatortes, schlafe ein, verziehen mich dann in mein Bett und schlafe. Einfach schlafen!
Seit vielen ruhelosen Nächten, die erste, die ich tief und fest durchschlafen.

Dass Du mich nicht verstehst, liebe Amelie, liegt also nicht an dem, was und wie ich es Dir kommuniziere…

Jetzt versuche ich die Finger stillhalten und zu warten, ob und wann Du Dich meldest.

Liebe Amelie, ich hoffe, dass Du an mich denkst und mir bald schreibst!

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